Geschichte

Mittelalterliche Fundamente auf Gelände der Universität Greifswald entdeckt

Torsten Rütz dokumentiert die mittelalterlichen Fundamente und die Heizungsanlage. Foto: Jan Meßerschmidt, Universität GreifswaldBei Bauarbeiten wurden in der vergangenen Woche in Greifswald die Fundamente eines mittelalterlichen Gebäudekomplexes freigelegt. Diese Fundamente befinden sich auf dem Innenhof zwischen zwei Universitätsgebäuden auf dem Grundstück Domstraße 20.
Die aus dem 14. Jahrhundert stammenden ebenerdigen Steinhäuser waren acht Meter breit und mindestens zehn Meter lang. Eines besaß eine Warmluftheizung, die über eine in den Boden eingetiefte Heizkammer betrieben werden konnte.

Die untersuchten Gebäude gehörten zu einer Hofanlage, die als sogenannte curia bezeichnet in den schriftlichen Quellen des Mittelalters häufiger erwähnt wird. Für diese Anwesen war neben ihrer großen Grundfläche kennzeichnend, dass die Haupthäuser, abweichend vom Baufluchtgebot des Lübischen Stadtrechtes, nicht an der Straßenflucht, sondern abgerückt davon als freistehende Gebäude inmitten des Anwesens errichtet wurden. So konnten sich ihre zumeist nichtbürgerlichen Eigentümer (Adlige oder Kleriker) von anderen städtischen Bauherren absetzen. An der Straßenseite wurden diese Grundstücke häufig durch eine niedrige Budenzeile begrenzt, der Zugang zum Haupthaus des Anwesens wurde durch einen Torweg ermöglicht.

„Es sind nur wenige Beispiele dieses Gebäudetyps in den Städten an der Ostseeküste erhalten geblieben. Darum ist der freigelegte Befund von besonderer Bedeutung, denn er vermittelt eine Vorstellung davon, wie groß die Gebäude auf diesen Höfen waren und wie sie einst aussahen“, so der Archäologe Torsten Rütz.
Das untersuchte Grundstück ist auch für die Geschichte der Stadt Greifswald und des Herzogtums Pommern sehr bedeutsam. Im Mittelalter befand sich auf dem Anwesen die Amtswohnung des Propstes der Nikolaikirche, der auch Vorsteher der Greifswalder Geistlichkeit war. Während des Rügischen Erbfolgekrieges war 1327 der neunjährige pommersche Herzog Bogislaw V. zu seinem Schutz auf dem Anwesen untergebracht − mutmaßlich in einem der freigelegten Häuser.

Auch die Geschichte der Greifswalder Universität ist mit dem Grundstück verbunden, denn der Propst wurde auch Vorsteher des 1457 an St. Nikolai eingerichteten Kollegiatsstiftes. Die Gründung des Stiftes war eine der Voraussetzungen für den Unterhalt der 1456 gegründeten Universität. Mehrere der ersten Rektoren der Universität waren gleichzeitig Pröpste und dürften auf dem Grundstück in der Domstraße gewirkt haben.

Torsten Rütz bei der Dokumentation. Foto: Jan Meßerschmidt, Universität GreifswaldDie mittelalterlichen Gebäude auf dem Grundstück wurden 1506 durch einen Brand beschädigt oder zerstört und gerieten auch später immer wieder in Verfall. 1641 wurde das Haus auf Veranlassung der Schwedischen Königin Christine repariert aber schon 1679 wieder als verwüstet bezeichnet und nach nur wenigen Jahren völlig ruiniert.

1709/1710 entstand dann auf dem Hof der bis heute erhaltene Neubau für das Schwedische Hofgericht − wieder ein freistehendes Gebäude, das so an die bauliche Tradition auf dem Grundstück anknüpfte und wie die baubegleitenden archäologischen Untersuchungen gezeigt haben, in etwa an der Stelle der mittelalterlichen Vorgängerbauten entstand. Erst mit dem Neubau eines großen Gerichtsgebäudes direkt an der Domstraße in den Jahren 1833/1834 wurde die bauliche Situation so verändert, dass die ursprüngliche hofartige Struktur des Grundstückes Domstraße 20 heute nur noch für „Eingeweihte“ erkennbar ist.

Die freigelegten Grundmauern sowie die Heizungsanlage wurden nach einer ausführlichen Dokumentation zügig wieder zugeschüttet, um die Bauarbeiten nicht zu verzögern. Der Innenhof des Grundstückes wird in Regie des BBL Mecklenburg-Vorpommern gerade neu gestaltet, wobei auch die alten Pflastersteine wieder eingesetzt werden.
Die Dokumentationsunterlagen werden im Landesamt für Kultur und Denkmalpflege aufbewahrt und bilden nach Abschluss der Recherchen die Grundlage für eine Publikation der Ergebnisse für ein archäologisch und historisch interessiertes Publikum.

Weitere Informationen
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http://www.uni-greifswald.de/informieren/pressestelle/download-presseinformationen/pressefotos-2012/pressefotos-november-2012.html

Ansprechpartner für die Ausgrabung
Torsten Rütz
Archäologe und Bauhistoriker
Marienkirchplatz 1/2, 17489 Greifswald
Telefon 03834 505005
Mobil 0160 92580630

Pressemitteilung Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald, 28. 11. 2012

200 Millionen Jahre länger überlebt – Was Greifswalder Biologen im Museum entdeckten

Ein internationales Team von Wissenschaftlern der Universitäten Greifswald und Leipzig sowie der Yale University (USA) hat einen erstaunlichen Fund gemacht. Die Forscher entdeckten in der paläontologischen Sammlung des Royal Ontario Museums in Toronto (Kanada) einen 300 Millionen Jahren alten fossilen langbeinigen Lobopodier aus den Schichten des Oberkarbons. Damit konnte nachgewiesen werden, dass diese langbeinige Form der „Würmer mit Beinen“ 200 Millionen Jahre länger überlebte als bisher angenommen.

Die Untersuchungsergebnisse des Wissenschaftlerteams wurden jetzt in der renommierten Fachzeitschrift Current Biology online veröffentlicht; am 25. September 2012 folgt die Printausgabe.Lobopodier gab es bereits vor einer halben Milliarde Jahren. Unter den frühen Vertretern befanden sich auch die Vorfahren der heute erfolgreichsten Tiergruppe überhaupt, der Gliederfüßer, mit Spinnentieren, Insekten, Tausendfüßern und Krebsen. Es gab zwei Erscheinungsformen, Lobopodier mit kurzen konischen Beinen und solche mit langen schlauchförmigen Beinen. Auch die heutigen Stummelfüßer (Onychophora) und Bärtierchen (Tardigrada) können als kurzbeinige Lodopodier bezeichnet werden. Die langbeinigen Vertreter des zweiten Typus schienen vor etwa 500 Millionen Jahren ausgestorben zu sein.

In den vergangenen Jahren gab es bereits Funde, die andeuteten, dass die oft als bizarr geltenden Körperformen, die vor über einer halben Milliarde Jahre über den Meeresboden krochen, doch nicht plötzlich am Ende des sogenannten Kambriums ausstarben. So fanden sich Körperformen, wie man sie fürs Kambrium für typisch hielt, etwa noch in Erdschichten aus dem Ordovizium (ca. 480 Millionen Jahre) oder Devon (ca. 400 Millionen Jahre). In jüngeren Schichten wurden solche Funde noch nicht gemacht.

Wissenschaftler des Zoologischen Instituts und Museum der Universität Greifswald (AG Cytologie und Evolutionsbiologie), des Instituts für Biologie der Universität Leipzig (AG Evolution & Entwicklung der Tiere) und des Instituts für Geologie und Geophysik der Yale University (USA) berichten nun Überraschendes. Im Rahmen eines Stipendiums der Alexander-von-Humboldt-Stiftung und mit Unterstützung der Yale University forschten die zwei nun in Greifswald tätigen Wissenschaftler im letzten Jahr an verschiedenen Museen in Nordamerika. Während eines mehrwöchigen Besuchs in der Sammlung des Royal Ontario Museums untersuchten sie unter anderem die Fossilien des Karbons. Dabei entdeckten sie in einer Schublade in der Sammlung das nun neu beschriebene Fossil, welches ursprünglich als ein Stummelfüßer identifiziert worden und wohl auch bereits als solcher ausgestellt gewesen war. Doch das Fossil hatte nur halb so viele Beine wie ein Stummelfüßer und anders als Letztere sehr lange und schlauchförmige Beine; auch die für Stummelfüßer typischen Antennen fehlten dem Tier.

Nach einer ausführlichen Fotositzung stellten sich die Beine sogar als noch länger heraus als zunächst gedacht: Aufnahmen von der Bauchseite des Tieres zeigen, dass die Beine im Stein verschwinden; Aufnahmen von der Seite des Steines zeigen, dass die Beine hier wieder hervortreten. Bei einer herkömmlichen Untersuchung lässt man die Seiten solcher Steine gewöhnlich außer Acht, nur durch eine Fotoserie, die für eine 3D-Montage verwendet werden sollte, trat dieses erstaunliche Detail zutage.

Der Fund stellt eine große Überraschung dar. Gemeinsam mit den Funden der vergangenen Jahre weist das neue Fossil darauf hin, dass vermeintlich primitive Körperformen sehr viel länger erfolgreich waren und dass ihr Aussterben am Ende des Kambriums weit weniger dramatisch ausfiel als bisher angenommen worden war.

Weitere Informationen
Der Artikel in Current Biology
Haug, Joachim T., Mayer, Georg, Haug, Carolin, Briggs, Derek E.G.: „A Carboniferous Non-Onychophoran Lobopodian Reveals Long-Term Survival of a Cambrian Morphotype“, Elsevier, Current Biology 22(18). http://dx.doi.org/10.1016/j.cub.2012.06.066

Presse– und Informationsstelle Uni HGW, 17. 8. 2012

Veröffentlicht 16. August 2012 von Martina Wichor