Geschichten

Die Hauptstadt der Unterirdischen

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zauberer019Die Hauptstadt der Unterirdischen in Mecklenburg soll Schwerin gewesen sein. Auch viele Hausgeister, die in Holstein und in der Mark Brandenburg wohnten, geschickte Puge, sind – soweit man sie zum Sprechen brachte – von dort gekommen. Ihre Festung oder Königsburg scheint der Petersberg gewesen zu sein. Von da gingen sie, wenn sie trinken wollten, in die Stadt ihres Großherzogs, und man kann nichts Abträgliches über sie sagen. Der alte Kirchgeschworene Schow, der nahe dem Petersberg wohnte, erzählte sogar prahlend, was die Wirte in Schwerin an ihnen verdient hätten. Wenn es die Kleinen nach Bier verlangte, so behauptete er, schickten sie meist einen der Jüngsten mit einer Silberkanne aus, er möge sie voll Bier laufen lassen. Brachte er sie zurück, reichten die Unterirdischen sie reihum und tranken so viel davon, wie sie wollten. Die Kanne wurde durch ihre Zauberei bis zum frühen Morgen nicht leer. Eines Tages, als solch junger Bursch wieder Bier holte, zeigte sich, wie eng die Unterirdischen in Schwerin mit denen vom Petersberg zusammen hielten. Ein Knirps aus der Festung hatte einem Schweriner Bürger die Nachricht gebracht, er solle in allen Schenken der Stadt ansagen: Königin Sanna sei gestorben. Da setzte ja überall ein gewaltiges Wehklagen ein. Der Bierholer lief gleich zurück, um trauern zu helfen; viele von dem kleinen Volk wurden sichtbar, hockten sich zusammen und ließen die Köpfe hängen. Wer die Königin Sanna im Petersberg gewesen ist, um die alle Unterirdischen so sehr getrauert haben, weiß man heute nicht mehr. Die Zwerge haben danach ihre Königsburg nach Schwerin verlegt, das ist bekannt; auch haben sie dem Großherzog noch lange gedient. Wo sie jetzt hausen, hat keiner verraten können.

Literatur/Quelle: Hans-Friedrich Blunck, Ostseesagen, Husum Druck- und Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG 1989.

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Der Markgraf im goldenen Sarg

Sarg, Foto Martina WichorUm die Entstehung des Heidedorfes Markgrafenheide rankt sich folgende Sage: In früheren Jahrhunderten, als die Dänen den Rostockern noch die Warnowmündung streitig machten, verbündeten sie sich mit denbeiden brandenburgischen Markgrafen und weilten hier in der Gegend. Einer der Markgrafen verschied plötzlich auf der Jagd und wünschte sterbend, in der Heide begraben zu werden. Man erfüllte seinen Willen. Seine treue Gemahlin aber,der über diesenVerlust das Herz brechen wollte, ließ zu Ehren des Verstorbenen weit von Arabien her einen prächtigen Sarg, aus lauterem Golde gefertigt und über und über mit kostbaren Edelsteinen besetzt, kommen. Nachdem man den Leichnam in den kostbaren Sarg gelegt hatte und der tote Markgraf seinen letzten Weg antreten sollte, verband die Witwe allen am Leichenzuge Beteiligten die Augen. Seither heißt der Ort seiner geheimen letzten Ruhestätte die Markgrafenheide.

Interessant sind aber auch die historischen Hintergründe dieser Sage: Im Jahre 1311 forderte der König Erich von Dänemark, der einige Zeit zuvor Lehnsherr der Herrschaft Rostock geworden war, die Hansestadt Rostock auf, einen Hoftag in Verbindung mit einem großen Ritterturnier auszurichten. Trotzig wurde dieses Verlangen des Königs seitens der Hansestadt abgewiesen, und er mußte sein Lager jenseits der Warnow aufschlagen. Die Turniergäste zogen in großen Scharen in die Rostocker Heide, um das festgelage mit Wildbret zu versorgen. Lange Jagdnetze wurden an Bäumen befestigt. Sie liefen eng zusammen und endeten wie ein Sack. Dann trieben Bauernburschen mit Holzklappern und lautem Geschrei das verängstigte Wild in diese Falle. Von den vielen hilflos gefangenen Tieren erlegten dann die Turniergäste die Hirsche und Rehböcke mit dem Jagdspieß. Der Rest der Tiere wurde von den Bauern mit Knüppeln tot geschlagen. Andere Jäger durchstreiften mit der Armbrust die Wälder der Heide. Beneidetes Jagdglück hatte der junge Markgraf Waldemar von Brandenburg, er kehrte gar mit einem erlegten Bären zurück.

950 Ritter standen auf der Liste des Hofmarschalls. Weitere 500 Turniergäste erhielten während des Hoflagers den Ritterschlag und machten das Ereignis zu einem der größten Ritterturniere in der norddeutschen Geschichte überhaupt. Kurze Zeit später züchtigte der König die unbotmäßigen Rostocker. Mit den kriegsgewohnten Brandenburgern belagerte man die Stadt vereint. Die Brandenburger zogen, etwa von dort, wo heute Graal-Müritz liegt, an der Ostseeküste entlang. Siemachten dort halt, wo der heute nicht mehr existierende östliche Ausfluß der Warnow in die Ostsee mündete, jenes flache Rinnsal, das sich kurz vor dem Meer zum Radelsee erweitert. Hier fanden sie, von Bruch und Moor umgeben, eine große Sandinsel, die sich leicht zum befestigten Lager ausbauen ließ. Dieser Lagerplatz der Markgrafen wurde bald die Markgrafenheide genannt. Mehrere Jahre vergingen bis zum Tode des Dänenkönigs, mit dem auch die Händel ein Ende fanden und die alte Hansestadt ihre Selbständigkeit bewahrt hatte.

Literatur/Quellen: Archiv der Hansestadt Rostock, Krausesche Fundchronik. Adolf und Rudolf Ahrens, Die Heide, das Kleinod der Stadt Rostock, Rostock 1919.

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Marschall Blücher auf Reisen

Skulptur: Marschall Blüchers Pfeife am Platz des Friedens in Teterow. Aufschrift: "Wat futsch is, is futsch." , 22 April 2007, eigenes Werk, User: Fischbuerger/WikipediaAls Marschall Blücher im Jahre 1816 durch Mecklenburg fuhr, sollte er auch die Stadt Teterow durchqueren. Die Honoratioren warteten stundenlang im Rathaus, wo eine offizielle Begrüßung vorgesehen war. Sie hatten jedoch am Ortseingang bei den Scheunen den Stadtdiener Jochen Pitz als Wache aufgestellt, der beim Herannahen des Ehrengastes einen Böller abfeuern  sollte. Nach langem Warten sah der Nachtwächter eine Kalesche heranrollen, in der ein Mann mit einer Tabakspfeife saß. Der naive Mann besaß keine Ahnung, wer hier bei ihm vorbeikam, sondern schimpfte nur lautstark und im vollen Bewusstsein seiner Amtswürde:

Hier ward nich rookt, bi de Schüns! Dat kann Fuer geben! Her mit de Piep!

Kurzerhand konfiszierte er die Pfeife des Feldmarschalls und ließ die Kutsche weiterrollen. Wenig später kam der Gepäckwagen und Teterow erfuhr, dass der Marschall auf dem Wege nach Ivenack die Stadt längst passiert hatte. Am nächsten Morgen brachen die Honoratioren der Stadt nach Ivenack auf, um dem Fürsten unter langen Entschuldigungen seine Pfeife zurückzuerstatten. Aber der alte Herr lachte sie nur aus und erklärte den Teterowern lediglich: Wat futsch is, is futsch! Die Stadt Teterow aber durfte jene kurze Stummelpfeife zum Andenken behalten und ist seitdem stolz auf dieses Geschenk!

Quelle des Textes: Abdruck mit freundlicher Genehmigung der Stadt Teterow.

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Worüm is de Recknitz so scheif un krumm?

Recknitz, Zeichnung Siegrid Hensel, MarlowAs de leiw Gott anno Toback uns` oll Ierd trechtklütert hett, müßten all de Engels mit ranne, un gor de Düwel würr mit inspannt, so unnot hei dat ok ded. “ Du kannst de Bäken int Land Mäkelborg haaken“, säd de Herr tau em. Dor spannt de Düwel sien oll Großmudder för den Haaken, un in sienen Arger swenkt hei de Olsch mit sien Sweep düchtig weck in, dat se hen- un herhopsen ded. As sei nu bi de Recknitz to Gang´n sünd, is dat grad son heiten Dag, un de Brookwihgen – so seggen wi doch tau de groten Fleegen, de in´t Brook utbröden – un de Schmulpusen sitten de Olsch so dull up´n Kittel un pisaken ehr. Dor ward se toletzt kandessig un ritt den eenen Strang kort. Nu geiht dat Fuhrwerk jo ümmer hen un her, un in ehr Wut hett sik de Olsch toletzt in dat Reet fastbäten, wat dor stahn hett:

Dorvon kamen de Bisse her – drei Tähnen sünd noch in jedet Blatt!

Als der liebe Gott anno dazumal unsere alte Erde zurechtgekleistert hat, mussten auch die Engel mit anfassen, sogar der Teufel musste mit ran, so unnütz er auch war. „Du kannst die Bäche im Land Mecklenburg harken“, sagte der Herr zu ihm. Da spannt der Teufel seine alte Großmutter vor den Haken, und in seinem Ärger schwenkt er der Alten mit seiner Peitsche tüchtig eins über, dass sie hin- und herhopste. Als sie nun bei der Recknitz im Gange sind, ist das so ein heißer Tag, und die großen Fliegen, die brüten doch im Bruch, und die Stechmücken piesacken sie doll. Da wird sie ganz wütend und reißt den einen Strang kurz. Nun geht das Fuhrwerk immer hin und her, und in ihrer Wut hat sich die Alte zuletzt im Schilf festgebissen. Davon kommen die Bisse her. Drei sind noch in jedem Blatt.

Quelle des Textes: Abdruck mit freundlicher Genehmigung der Stadt Marlow.

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„Die Sekunde der Wahrheit“

Der Lilienthal-Fotograf Ottomar Anschütz

Kamera, Quelle: Otto-Lilienthal-Museum Anklam„Wir leben in dem ‚Jahrhundert des Dampfes‘. Eilig und rastlos drängt überall das menschliche Treiben und Streben vorwärts. […] Auch die Fotografie hat es […] verstanden, sich eine Stelle in diesem Wettkampfe zu erringen.“ (Ottomar Anschütz, 1887)

In der Geschichte von Fotografie und Film ist Anschütz zu Unrecht unbekannter als die Brüder Lumière, die Brüder Skladanowsky, der Franzose Étienne-Jules Marey, oder der Amerikaner Eadweard Muybridge. Erst in den letzten Jahren haben seine Arbeiten größere Beachtung gefunden. Der nach dem Patent von Ottomar Anschütz hergestellte Jalousie-Schlitzverschluss, der über 100 Jahre wesentliches Bauteil aller Kameras blieb, trug bis 1927 den Hinweis auf seinen Erfinder. Als Anschütz 1894 im großen Hörsaal des Postfuhramtes Berlin (heute Tucholsky- Ecke Oranienburger Straße) zum ersten Mal öffentlich bewegte fotografische Bilder auf eine Leinwand projiziert, wird er zum Verwirklicher des Kinos. „Nach dem Leben aufgenommen – von Ottomar Anschütz“ heißt es auf dem Schmuckkarton seiner Fotos. Fotografien des Kaisermanövers bei Breslau machen ihn zum ersten Bildreporter der Geschichte. Zum anerkannten Künstler wird er durch Fotos im Breslauer Zoo und Tierfotografien in freier Wildbahn.

Pressefoto: 200 kB, Ottomar Anschütz fotografiert Lilienthal im Fluge, 1893, Quelle: F 0082, Otto-Lilienthal-Museum AnklamIn mindestens zwei Serien 1893 und am 16. August 1894 fotografiert Ottomar Anschütz Otto Lilienthal im Fluge. Im Lilienthal-Nachlass befanden sich außerdem einige der sensationellen Storchen-Fotografien von Anschütz. Die Serie „Störche“ (1884) von Ottomar Anschütz war so spektakulär, dass er in die Fotografie-Geschichte als „Storchenfotograph“ einging. Tatsächlich gehören sie zu den ersten Tierfotografien in freier Wildbahn. Die Ausstellung zeigt neben ausgesuchten Objekten Vergrößerungen der beeindruckenden fotografischen Studien verschiedener Genres, sowie eine Auswahl seiner Bewegungsstudien, die als bewegte Bilder vorgeführt werden. Das Museum dankt der Universität der Künste, Berlin und Frau cand. phil. Sabina Mlodzianowski für die großzügige Unterstützung.

Unter Beteiligung von St. Sauer, Stralsund a. G., Holger Anschütz, Fulda – Quelle des Textes: Abdruck mit freundlicher Genehmigung durch das Otto-Lilienthal-Museum Anklam.

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Herodot

 (*1794 in Ivenack, †1829 ebenda) war ein deutscher Zuchthengst des gräflich Plessenschen Gestütes Ivenack.

Der Apfelschimmel Herodot wurde als Sohn des englischen Beschälers Morwick Ball im Jahr 1794 im Gestüt Ivenack in Mecklenburg geboren . Obwohl er niemals ein Rennen lief, galt er als einer der berühmtesten Hengste seiner Zeit.

Um das Schicksal des Schimmels ranken sich viele Legenden. Bei der Besetzung Mecklenburgs durch die französische Armee soll Napoleon persönlich Anweisung gegeben haben, das Tier zu suchen und nach Frankreich zu verbringen. In Ivenack versuchte man wohl vergeblich, das Pferd vor den Franzosen in Sicherheit zu bringen, indem man es im hohlen Stamm einer der Ivenacker Eichen versteckte. Es heißt, Napoleon habe Herodot vor Moskau geritten oder in Paris. Auf dem Wiener Kongress soll Herodot Verhandlungsthema gewesen sein, und Blücher machte sich anscheinend dafür stark, dass das Pferd an seinen Besitzer in Mecklenburg zurückgegeben wurde. Unterdessen hatte der schon seinen Stallmeister aus Ivenack nach Frankreich geschickt mit dem Auftrag, den Hengst ausfindig zu machen und nach Hause zu bringen, was schließlich gelang. Halbseitig erblindet verlebte Herodot nach der Rückkehr noch etwa zehn Jahre in Ivenack, soll dort 35-jährig gestorben und unter einer Eiche zwischen Stavenhagen und Ivenack begraben worden sein. Noch lange hing die Stammtafel von Herodot, unter dessen Nachkommenschaft sich viele berühmte Zuchthengste befanden, in den Ivenacker Stallungen, und sein Begräbnisort war noch nach einem Jahrhundert als „Herodoteiche“ bekannt.

Inzwischen durch einen neuen Baum ersetzt existiert die „Herodoteiche“ noch heute. Sie steht nach Auskunft Ortskundiger als Einzelbaum auf freiem Feld rechtsseitig der Landstraße Stavenhagen-Demmin etwa auf halber Strecke zwischen dem Ortsausgang von Stavenhagen und Basepohl.

Wikipedia: Klose, Fritz: Herodot – der berühmte Schimmelhengst aus Ivenack. – In ders.:  Zu Hause bei Fritz Reuter. – Rostock, 1956. – S. 114-116. http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/deed.de.

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„Ivenacker Hudewald“ macht fast vergessenes Waldkultur-Erbe erlebbar

(21.10.2012) – Die 1000-jährigen Ivenacker Eichen sind eine kultur- und naturhistorische Besonderheit, die in Deutschland ihresgleichen sucht. Doch diese Riesen sind keine Reste einstiger Urwälder, sondern Zeugnisse der im Mittelalter verbreiteten Landnutzungsform des Hude(Hüte)-Waldes, der sich im Ivenacker Tiergarten bis heute erhalten hat. Wie der Wald schon seit dem Ende des ersten Jahrtausends als Weide für Schweine, Rinder, Schafe und Ziegen genutzt wurde, das können die großen und kleinen Besucher im „Ivenacker Hudewald“ hautnah erleben. Er wurde am 8. Februar 2010 auf 164 ha als Schutzwald nach § 21 Landeswaldgesetz ausgewiesen. Auf zwei Hektar entstand hier im Vorjahr ein Schweineschaugatter mit Wasserspiel und Schutzhütten; in diesem Jahr folgte eine Steganlage mit Aussichtsplattform, die am 21. Oktober eröffnet wurde. Gefördert wurde das Projekt des Forstamtes Stavenhagen mit 649 800 Euro aus dem europäischen Landwirtschaftsfonds für die Entwicklung des ländlichen Raums ELER.  „Nach vielen Jahrzehnten der Stallhaltung von Schweinen ist nicht nur der Schweinehirte aus dem Landleben verschwunden, sondern auch das Wissen über eine lange Zeit prägende historische Waldnutzungsform“, betonte Agrarminister Dr. Till Backhaus am Sonntag. „Mit der 125 Meter langen Steganlage durch das Gatter demonstriert die Landesforstanstalt Mecklenburg-Vorpommern das Bild von einem Waldkulturerbe, das schon vielfach in Vergessenheit geraten ist.“

 „Unter Eichen wachsen die besten Schinken“ – wussten einst die Metzger. Denn Schweine, die in Wäldern herumliefen und mit Eicheln gemästet wurden, gaben eine vollendete Delikatesse ab. Noch heute bezahlen Feinschmecker ein beachtliches Sümmchen für den berühmten, aus Eichelmast hervorgehenden Iberischen Pata Negra Schinken. Unter den Ivenacker Eichen fühlen sich die Turopolje-Schweine – eine besonders bedrohte alte Haustierrasse aus den kroatischen Save-Auen – sauwohl. Da das Deutsche Weideschwein schon um 1975 ausgestorben ist, haben die Turopolje-Schweine als „lebende Genreserve“ hier nun ein artgerechtes Refugium gefunden. Der Erstbesatz der Gatteranlage erfolgte im September 2011 mit einer Sau und 7 Ferkeln. Die Sau ferkelt im Schnitt 3 Mal in zwei Jahren. Ein Wurf besteht meist aus 6 Ferkeln. In der Mast nehmen die Schweine pro 100 kg aufgenommenes Futter etwa 20 kg zu. Ein schlachtreifes Schwein wiegt ca. 250 kg und die Dicke des festen Specks kann bis 15 cm betragen. Das Fleisch eignet sich besonders für die Schinken- und Salamiproduktion. Zu einem richtigen Saugatter gehört natürlich auch eine gatschige Suhle. Die wird im Ivenacker Hudewald über einen Wasserspielplatz gefüllt – zur Freude vor allem der jungen Besucher, die damit eine wichtige Aufgabe haben. Rund um das Saugatter informieren Tafeln über das Leben im Hudewald. Der Ivenacker Tiergarten ist in Mecklenburg-Vorpommern der einzige Wald, in dem heute Schweine gehalten werden und sich von der „Mast des Waldes“, der Sammelbegriff von allem Essbaren, ernähren dürfen, denn eigentlich ist das Halten und Hüten von Haustieren im Wald nicht erlaubt.

Hintergrund: Neben den Turopolje-Schweinen ist im Hudewald seit Ende des 17. Jahrhunderts auch Damwild zu Hause. Das erste Gatter wurde im Jahre 1929 aufgelöst. Seit 1974 ist das Gelände auf ca. 75 ha wieder eingezäunt. 70 bis 80 Stück Damwild leben hier und tragen durch ihren Verbiss an der Baumverjüngung dazu bei, dass der Hudewald-Charakter des Gebietes erhalten bleibt. Im Barockpavillon inmitten des Tiergartens, der dank eine Spende der Jost-Reinhold-Stiftung seit 2003 wieder in alter Schönheit erstrahlt, entführt eine interaktive Ausstellung die Besucher auf eine Reise durch die Lebenszeit der Eichen. Daneben erfahren sie Wissenswertes über Waldglas und Streunutzung, Hirsche und Wölfe, über Naturschutz und Jagd oder über die Bäume in der Mythologie. Die stärkste Ivenacker Eiche hat heute übrigens einen Durchmesser (in Brusthöhe) von 3,49 m und eine Höhe von 35,5 m, was einem Holzvolumen von 180 Kubikmetern entspricht. Ihr Alter wird anhand von Jahrringmessungen auf ca. 1.000 Jahre geschätzt. Sie ist damit die stärkste und älteste lebende Eiche Deutschlands.

Überliefert ist die Geschichte des berühmten Schimmelhengstes Herodot, der Anfang des 19. Jahrhunderts im Ivenacker Gestüt stand.

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Für die Schlacht geschaffen

Die Schmettauschen Karten

Wie kommt man von Schwerin nach Bad Kleinen? – Ganz einfach. Man fährt die B 106 bis zur großen Kreuzung hinter Wendisch Rambow und biegt dort rechts ab. Oder man nimmt den Zug, läßt sechs Minuten lang Felder an sich vorbeiziehen und weitere sechs Minuten den Nordzipfel des Schweriner Sees. Die Station Bad Kleinen war schon immer ein Umsteigebahnhof … Schon immer!

Als Friedrich Graf von Schmettau im Jahre 1788 seine Karte beider Mecklenburg fertig stellte, brauchte er auf keinen Streckenverlauf einer Eisenbahn zu achten. Das erste dampfende Stahlross ließ noch knapp 50 Jahre auf sich warten. Wer von Schwerin nach Kleinen¹ unterwegs war, saß in einer Kutsche und versuchte, die größten Schlaglöcher zu umfahren. Von Kirchen Stück führte eine Allee nach Lübsdorf.  Dort begann der lange Feldweg nach Zickhusen. Am Ortsausgang gab es eine Kreuzung; bog man hier in Richtung Osten ab und fuhr in Ufernähe weiter, dann musste Kleinen bald zu sehen sein. Mit der Karte des Grafen von Schmettau hätte man diese Reise wagen können. Jeder Erhebung wurde das Recht auf ein paar Quadratmillimeter eingeräumt. An der Art der Straffur kann man sogar erkennen, ob es steil oder gemächlich bergauf ging. Wo die Bäumchen etwas dichter stehen, wird es Wildwechsel gegeben haben, doch die waren für ein Pferdefuhrwerk kaum gefährlich.

Der Kutscher hatte die genaue Karte des Grafen natürlich nicht nötig. Er kannte die Schleichwege. Vielleicht hatte er aber schon einmal einen Landmesser beobachtet, der mit seiner Meßkette die Hufen² abschritt. Im Zusammenhang mit dem Landesgrundgesetzlichen Erbvergleich war 1755 die „Direktorialvermessung“ angeordnet worden. Das bedeutete ein wenig Lohn und Brot für Dutzende von Landmessern, die bald von Hannover, Braunschweig und natürlich Preußen nach Mecklenburg zogen. Wie nun die Ackerflächen und Wege zu kleinen Flecken und Linien auf der Flurkarte wurden, blieb dem Kutscher wahrscheinlich ein Rätsel. Vielleicht hat er aber auch nie eine solche Karte in den Händen gehalten, denn die Produkte emsiger Messungen landeten oft genug in geheimer Verwahrung. Im Kriegsfall war derjenige der Klügere, der die genauere Karte besaß. Welch bittere Erfahrung mit den mecklenburgischen Karten machten die preußischen Truppen während des Siebenjährigen Krieges! Eine neue Mecklenburg-Karte war erforderlich, noch vor der nächsten Schlacht!

Friedrich Graf von Schmettau (1743 -1806), ein hoher preußischer Offizier, beherrschte die Kunst der Kartografie wie kaum ein anderer seiner Zeit. Erspart blieben ihm jedoch weite Spaziergänge mit der Meßkette; die beiden mecklenburgischen Länder waren ja erst vermessen worden. Schmettau bemühte sich um genaue Auszüge aus den Katasterregistern und stellte sein Werk aus vielen Einzelkarten zusammen. Neue Messungen waren nur erforderlich, wenn eine Stadt nicht bereit war, ihre Spezialpläne zur Verfügung zu stellen, oder wenn mancher Flecken – allen Angaben zum Trotz – dunkel blieb. Die Schmettausche Karte des Herzogtums Mecklenburg mit seinen verschiedenen Provinzen … nahm Ausmaße an, die keine kupferne Druckplatte fassen konnte. Daher wurde sie in 16 gleich große Abschnitte zerlegt und in ebenso vielen Einzelkarten gedruckt. Im Jahre 1788 war das Werk abgeschlossen. Vielleicht um das Schlachtgepäck der Offiziere zu entlasten, legte Schmettau sechs Jahre später eine weitere Karte des Herzogtums Mecklenburg vor, allerdings mit deutlich verkleinertem Maßstab. Hier ließen sich die Frontverläufe auf einer einzelnen Karte längerfristig einzeichnen. Trotzdem war jedes kleine Dorf wiederzufinden und drumherum noch ausreichend Platz für Markierungen.

In der Landesbibliothek befindet sich ein Exemplar dieser Karte, dem die Strapazen der Napoleonischen Kriege anzusehen sind. Auf dem Weg von der Schorfheide bis zur Lübecker Bucht faltete ein gewisser Major von Arnim diese Karte im Jahre 1813 so häufig auseinander, dass die Leinenverstärkung allmählich brüchig wurde.  Zahlreiche Provinzen sind verschiedenfarbig eingekreist, unzählige Orte unterstrichen. Kurz vor Lübeck  hielten Major von Arnim und der Obrist Graf von der Osten-Sacken die Karte – hoch zu Roß – gemeinsam, „als eine Kugel dem ersten tödtlich den Kopf zerschmetterte“. Tatsächlich! Das tragische Schicksals des Majors hat jemand, der es wissen musste, in knappen Worten auf der Karte vermerkt. Und: Direkt am Schweriner See klebt ein großer, rötlich- brauner Blutfleck…³

1 Die Ortsbezeichnungen und Schreibweisen sind der Schmettauschen Karte entnommen. 2 Hufe: Maßeinheit für bäuerlichen Besitz, Grundlage für die Steuerberechnung. 3 vgl. Arwed Bouvier, Vom allzu blauen Himmel der Erinnerung, S. 144/145.

Aus: Die Schatzkammer – Kostbarkeiten der Landesbibliothek M-V, Katrin Sobotha, Herausgeber: MECKLENBURGICA e. V., Stock & Stein Verlags GmbH 1995.

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Die Bleichermädchen-Sage

Die Glocke "Bleichermädchen"Oft wird gefragt, wie die “Bleichermädchen” genannte Glocke zu ihrem Namen kam.  Nachstehende Sage – in zwei Varianten und jeweils zwei Sprachfassungen – erläutert dies.
Allerdings legt die Sage legt nahe, dass eigentlich die falsche Glocke als Bleichermädchen bezeichnet wird. Denn die vom Mädchen zu ziehende Glocke ist die 1440 gegossene und nach dem 2. Weltkrieg verschollene Glocke des Dachreiters über der Vierung.
Die Wächterglocke wiederum scheint die 1554 von Hans Lavenpris gegossene und erhaltene Glocke zu sein. Der Text wurde entnommen aus: Karl Bartsch, “Märchen und Gebräuche aus Meklenburg”, 1. Band, Wien 1879, in der elektronischen Fassung unter: http://www.zeno.org/Literatur/M/Bartsch,+Karl/Märchen+und+Sagen/Sagen,+Märchen+und+Gebräuche+aus+Meklenburg/Erster+Band%3A+Sagen+und+Märc hen/Sagen/523.+Das+Bleichermädchen+von+Rostock. Ich habe diese interessante Sage unter http://www.marien-musik.de gefunden.

………………………………………………………………………………………………………………………………………………………………………………………………………………………………………………………………………………………………………………………………………………………………………………………………. An der Marienkirche in Rostock war vor vielen Jahren einmal ein Küster, der es sich bequem machte und die Betglocke von seinem Dienstmädchen stoßen ließ. Das geschah sowohl im Winter wie auch im Sommer, des Morgens um 6, des Mittags um 11 und des Abends um 5 Uhr und so ist es auch noch heutigen Tages Gebrauch. Von hundert Mädchen hätten das wohl kaum zehn gethan, namentlich nicht im Winter, wo es ja des Abends und Morgens um diese Zeit noch völlig dunkel ist. Dazu hing der Glockenstrang mitten in der Kirche. Aber des Küsters Mädchen war beherzt und wußte nichts von abergläubischer Furcht. Sie dachte ›Was die Leute von Spuk und Gespenstern erzählen, ist eitel Thorheit.‹

Dieses Mädchen war verlobt mit einem Schustergesellen aus der Stadt. Als derselbe im Winter eines Abends einen Besuch machte und die Zeit des Betglockenstoßens nahe war, da meinte er: das sei doch wirklich keine Kleinigkeit, so allein im Dunkeln in die Kirche zu gehen; er würde sich nie dazu entschließen. Das Mädchen lachte recht herzlich über seine Aeußerung und entgegnete: wenns sein müsse, werde sie sich um Mitternacht ohne jegliche Begleitung dahin begeben. Der Liebhaber schwieg, nahm sich aber vor, sie bald einmal auf die Probe zu stellen, um zu sehen, ob sie wirklich nicht furchtsam sei.

Als das Mädchen sich darauf wie gewöhnlich am folgenden Abend in die Kirche begeben hatte, schlich der Bräutigam, in ein Bettlaken gehüllt, ihr nach und suchte sich durch Gepolter und Gewinsel bemerklich zu machen. Sein Hund, ein großer schwarzer Pudel, war ihm gefolgt, ohne daß er es wußte. Das Mädchen gewahrte denn auch bald eine weiße Gestalt, die, von einer schwarzen mit glühenden Augen verfolgt, langsamen Schrittes auf sie zukam. Sie erschrak nicht wenig, nahm aber all ihren Muth zusammen und rief, als beide Gestalten schon ganz in ihrer Nähe waren ›Swartpoot, grip Wittpoot! Wittpoot, grip Swartpoot!‹ Und wie sie diese Worte gesprochen hatte, da jagten beide Gestalten wie toll hintereinander her, daß es kein Ende nehmen wollte. Das Mädchen aber entfernte sich schleunigst aus der Kirche und warf die Thüre hinter sich zu.

Von dem Schreck aber, den ihr der unbesonnene Scherz ihres Geliebten eingejagt, hatte sie ihre frischrothe Gesichtsfarbe verloren. Sie war von Stund an schneeweiß im Gesicht und nach drei Tagen eine Leiche. Ihr Bräutigam dagegen und sein Hund wurden am andern Morgen todt in der Kirche gefunden. Als man sie nun wie eine Arme ohne Sang und Klang beerdigte, was an einem Dienstag Abend um 9 Uhr geschah, da läuteten mit einem male sämmtliche Glocken des Marienthurms, die Kirche war prachtvoll erleuchtet und die Orgel darinnen spielte mit sanften Tönen ein Sterbelied, ohne daß man die Ursache davon jemals hat ergründen können. Von da an schreibt sich die Sage ›vom bleichen Mädchen‹, und wenn späterhin am Dienstag Abend gegen 9 Uhr die Wächterglocke gezogen wurde, so hieß es in der Stadt ›Das bleiche Mädchen wird begraben.‹

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Veröffentlicht 9. Oktober 2012 von Martina Wichor