Feature: Im Himmelslicht zum Schöpfungstag

In diesem Jahr begeht Ahrenshoop den 125. Jahrestag seiner berühmten Künstlerkolonie. Und das wird angemessen gefeiert.

Kunstkaten,  Foto: TMV/Böttcher

Kunstkaten, Foto: TMV/Böttcher

Spätsommer 1889. Der Oldenburger Maler Paul Müller-Kaempff und sein Kollege Oskar Frenzel weilen auf dem Fischland. Bei einer Wanderung entlang der Steilküste des Hohen Ufers erblicken sie von der letzten Anhöhe plötzlich ein winziges Dorf. Im Grunde nicht mehr als ein paar reetgedeckte Fischer- und Bauernhäuser, doch der Anblick haut die Männer schlichtweg um. „Wir hatten von dessen Existenz keine Ahnung und blickten überrascht und entzückt auf dieses Bild des Friedens und der Einsamkeit. Kein Mensch war zu sehen, die altersgrauen Rohrdächer, die grauen Weiden und grauen Dünen gaben dem ganzen Bilde einen Zug tiefsten Ernstes und willkommener Unberührtheit. Es war Liebe auf den ersten Blick.“ Müller-Kaempffs tiefer Eindruck vom verträumten „Powerdörp“, von der Schönheit des Fischlandes und vom einzigartigen Licht spricht sich schnell herum. Bald beginnen Seelenverwandte die Gegend zum Thema ihres Schaffens zu machen und so zunächst gewissermaßen visuell zu „kolonisieren“. Sie lieben die Weite der Landschaft, die zum Symbol wird für mentale und künstlerische Freiräume. Sie verewigen das mal blaue, mal graue, mal sanfte, mal wütende Meer. Sie malen die Dünen und die Steilküste. Die mit Schilf gedeckten alten Fischerkaten und Scheunen. Die Fischer in ihren Segelbooten. Die Wiesen am Bodden und die Wälder am Darß. All das und vieles mehr ist fortan Sujet, über alle Jahreszeiten hinweg. Von der bildlichen Aneignung bis zur tatsächlichen Ansiedlung ist es dann nur noch ein kleiner Schritt. 1892 baut Müller-Kaempff in der Dorfstraße ein Atelier- und Wohnhaus und begründet mit neun Kollegen die Künstlerkolonie Ahrenshoop. Bald schließen sich weitere Mitstreiter an – zur Schar der tatendurstigen Talente gehören Oskar Frenzel, Carl Malchin, Hugo Müller-Lefensdorf, Louis Douzette, Anna Gerresheim, Doris am Ende und Elisabeth von Eicken.

Und es geht weiter, Schlag auf Schlag. 1894 eröffnet Müller-Kaempff das heutige Künstlerhaus Lukas als Pension und Malschule speziell für Frauen. Mehr als eine Alternative zum teuren Privatunterricht, denn Frauen – mögen sie noch so begabt sein – bleibt im wilhelminischen Deutschland der Zugang zu staatlichen Kunstakademien verwehrt. Und so pilgern die „Malweiber“ – wie man sie damals nennt – um die Jahrhundertwende in Scharen nach Ahrenshoop und genießen hier ungeahnte individuelle und künstlerische Freiheit. Um 1900 arbeiten und unterrichten 16 Maler in und um Ahrenshoop. 1909 entsteht der Kunstkaten als erste Galerie für die dem Ort verbundenen Künstler – ein Ausstellungsort, der bald schon überregionale Strahlkraft erlangt. Mit dem ersten Weltkrieg dann zerbricht die Künstlerkolonie. Viele Maler müssen kriegsbedingt ihre Häuser aufgeben, aber auch ohne den Kolonie-Status besitzt das inzwischen beliebte Seebad große Anziehungskraft. Die nächste Avantgardisten-Generation lässt nicht lange auf sich warten: der Zeichner Fritz Koch-Gotha etwa und seine Frau Dora Koch-Stetter, die den Expressionismus nach Ahrenshoop bringt. Oder der frühere Bauhaus-Meister Gerhard Marcks und sein Freund Alfred Partikel, der im Oktober 1945 im Ahrenshooper Holz spurlos verschwindet. An der Faszination für Land und Landschaft ändert sich auch nach dem Zweiten Weltkrieg nichts: 1949 schwärmt die Heimatschriftstellerin Käthe Miethe: „Blau liegt an einem Frühsommertag der Bodden mit seinen Buchten. Blau breitet sich der unendliche Himmel aus und blau schaut die See zu uns herüber. Das Land ist umwoben von einem hauchfeinen Schleier; so haben die Farben keine Härte, keine Sättigung. Sie sind durchscheinend wie die ferne, stille Welt. Um uns ist ein Schöpfungstag.“

Ihnen allen setzt Ahrenshoop in diesem Jahr ein Extra-Denkmal. Den „Pionieren“ Paul Müller-Kaempff und Elisabeth von Eicken ebenso wie den Heerscharen kreativer Geister, die fast alle Strömungen moderner deutscher Kunst repräsentierten. Die während Weimarer Republik, Nazi-Diktatur und zu DDR-Zeiten in Ahrenshoop einen Sehnsuchts-, Wallfahrts- und Zufluchtsort fanden und in der Idylle von Dorf und Landschaft Inspiration und künstlerische Erfüllung. Mit einer Festwoche beginnen die Feierlichkeiten: Vom 25. März bis zum 2. April laden Kunsthäuser und Galerien zu Ausstellungseröffnungen, Führungen, Konzerten und Lesungen ein. Auf Bakel- und Schifferberg weisen dann überlebensgroße Skulpturen den Weg zur Künstlerkolonie, und ein Kunstpfad führt zu den beliebtesten Motiven der Maler. Herzstück des Festjahres ist die Ausstellung „Licht, Luft, Freiheit – 125 Jahre Künstlerkolonie Ahrenshoop“ im Kunstmuseum; aber auch alle jährlich wiederkehrenden Höhepunkte stehen im Zeichen des Jubiläums – wie die 18. Lange Nacht der Kunst im August und die Filmnächte im September. Das letzte Wort schließlich haben die Fachleute, die im Oktober auf einem Symposium aktuelle Erkenntnisse zum Thema vorstellen. Auch das wieder im Kunstmuseum, das als architektonisches Ensemble übrigens selbst ganz und gar dem Erbe der Künstlerkolonie verhaftet ist. Weitere Informationen: www.ostseebad-ahrenshoop.de

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